FSV
Franz Steiner Verlag

Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte

> Band 16 (2014)

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Aufsätze


Seite 5–27

Dieter Kempkens

Der Erfolg der Prognostica auf dem Buchmarkt in der Frühen Neuzeit

Zusammenfassung

Viele Autoren schrieben in der frühen Neuzeit Prognostica, nur wenige erlangten den Status eines Markenartikels auf dem Buchmarkt. Georg Caesius, Wilhelm Misocacus und David Herlitz gehörten dazu. Warum sie erfolgreich waren, ist Gegenstand dieses Aufsatzes. Die Gründe lagen in der intensiven Nutzung der Marketinginstrumente durch Autoren, Buchdrucker und Patrone. Die Autoren legten ihre Schwerpunkte auf meteorologische, politische oder medizinische Vorhersagen, um die Erwartungen ihrer Patrone und Leser zu erfüllen. Die Buchdrucker hielten die Preise niedrig, um ihre hohen Auflagen bei Handwerkern, Bauern, Kauf- und Seeleuten gewinnbringend verkaufen zu können. Jedoch nur durch den Verkauf von umsatzstarken Bibeln, populären Liedern und Volksbüchern erlangten sie die Gewinne, um ihr Geschäft fortzuführen. Die Autoren erhielten von ihren Patronen eine jährliche Zuwendung vergleichbar mit dem Monatslohn eines Handwerkers. Sie warben in ihren Texten mit attraktiven Titelbildern und Dedikationen an ihre mächtigen Patrone. Unerlaubte Nachdrucke konnten die Drucker mit Hilfe von Druckprivilegien und Prozessen eindämmen. Die Patrone übertrugen ihnen das Amt des Astronomen, mit dem die Erstellung der jährlichen Prognostica verbunden war. Damit blieben konkurrierende Autoren vom jeweiligen Markt ausgeschlossen, was den Vertrieb der eigenen Prognostica erleichterte. Nur Herlitz verband sich mit mehreren Druckern und Patronen, so dass seine Texte nicht nur in weiten Teilen der protestantischen Territorien des Reichs, sondern auch in der polnischen Stadt Danzig und in Skandinavien gedruckt und verkauft werden konnten.

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Summary

Many authors published Prognostica in early modern times, only a few reached the status of a brand on the book market. Georg Caesius, Wilhelm Misocacus and David Herlitz did. The question why they were successful is answered in this paper. Authors, printers and patrons intensively used the marketing instruments. The authors focused on meteorological, political and medical prophecies to cover the expectations of the patrons and readers. The printers kept down the price to be able to sell high amount of copies to craftsmen, farmers, merchants and sailors. But only strong-selling bibles, songs and popular literary works yielded the profit to continue the business. From patrons the authors received a yearly allowance comparable to the monthly wage of a craftsman. In their texts they presented attractive title-pages and dedications to their patrons for promotion. The patrons conferred them the appointment of an astronomer in which they had to publish every year a prognostication. As a consequence, competitors were excluded from the same market. Because of that the distribution of their own Prognostica was easier. Only Herlitz worked together with several patrons and printers, so his texts could be printed and sold not only in many protestant territories of the Holy Roman Empire but also in the Polish town of Gdansk and in Scandinavia.


Seite 28–48

Daniel Bellingradt

Wenig Papier, viel Aufwand

Öffentliche Buchverbrennungen der Frühen Neuzeit als materielles Problem

Zusammenfassung

Die europäische Epoche der Frühen Neuzeit ist maßgeblich gekennzeichnet durch eine Publikationsfreudigkeit: Beobachtungen, Meinungen, Widerlegungen, Korrekturen, Anmerkungen oder Antworten auf vorherig Publiziertes führten zu immer neuen Akten der Verschriftlichung und Drucklegung. Am anderen Ende der epochentypischen Publizität stand, wie schon in Antike und im Mittelalter, die zensural-motivierte Verbrennung ausgewählter Publikationen als "ungewollte" Stimmen. In diesem Aufsatz geht es um die typischen materiellen Probleme dieser als Strafe konzipierten und zeremoniell inszenierten Bücherverbrennungen, die sich im Modus des öffentlichen Spektakels vollzogen. Absentes, reduziertes, kontingentiertes oder zu flüchtig verbrennendes (bedrucktes) Papier machte diese symbolisch aufgeladenen Ereignisse nämlich zu Veranstaltungen im Zeichen des Mangels. Mittels zusätzlicher inszenatorischer bzw. zeremonieller Aspekte versuchten die Ausrichter das Problem kompensatorisch zu lösen: Tendenziell galt hierbei, je weniger Papier verfügbar war, desto mehr Aufwand musste betrieben werden. Fallbeispiele aus Frankfurt am Main, Köln, Hamburg und Rom zeigen die Logik des materiellen Mangels in Zeremonie-Verlängerungen (durch separates Zerreißen von Publikationen), Zeremonie-Ausweitungen (durch Galgen- oder Prangernutzung) sowie in angesammelten kollektiven Buchverbrennungen, um überhaupt eine Zeremonie gewährleisten zu können.

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Summary

The early modern period is characterized by a lively culture of written and printed participation that almost constantly stimulated new streams of commenting, correcting, answering and observing (paper-based) media in extenso. However, at the other end of the increased use of publications we see censoring activities like book burnings aimed to punish certain "unwanted" voices. This article deals with the material problems of these public book burning ceremonies. Missing books, very small books, reduced numbers of books available, or books subjected to limiting-quotas, and, in general, too fast burning paper made these events to happenings of shortage. Through the use of additional ceremonial aspects, the organizers of book burnings tried to solve the shortages. In doing so, it was almost always the case that the less paper was available, the more effort was exerted in the rituals. As is demonstrated by eighteenth-century Frankfurt (Main), Cologne, Hamburg and Rome, the situations of shortage motivated the organizers to extend the ceremonial procedure by either ripping the publication to pieces before burning or often using gallows or pillories in order to make the ceremony
happen at all.


Seite 49–77

Frank Stückemann

Franz Karl Rischmüller (1745–1811) im "Journal für Prediger"

Pastoraltheologische Beiträge zur Volksaufklärung aus Preußisch-Minden

Zusammenfassung

Die hier erstmals zusammengestellte Übersicht über das Werk des Mindener Pfarrers Rischmüller zeigt einen Hauptbeiträger zum "Journal für Prediger", dessen pastoraltheologische Aufsätze überregional und überkonfessionell Beachtung fanden und sogar in Wien nachgedruckt wurden. Sie bieten ferner Streiflichter auf die gegenaufklärerischen Quellen der Erweckung zur Zeit des Wöllnerschen Religionsregimes. Nach dessen Sturz arbeitete Rischmüller am Entwurf eines neuen preußischen  ndeskatechismus' mit und redigierte das bedeutende Mindensche Gesangbuch von 1806 (Zweitauflage 1816). Sein zu Unrecht vergessenes Werk entlarvt die bisherige, aus dem 19. Jahrhundert resultierende Sicht auf das preußische Westfalen als Geschichtsklitterung.

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Summary

Although Rischmüller, vicar in Minden, was one of the main contributors to the "Journal für Prediger", his bibliography had not been compiled until now. Concerning practical theology, his essays found a supraregional and ecumenical reception, even reprints in Vienna. They give some sidelights on the evangelical Counter-Enlightenment in Prussia during the Wöllner-period. Afterwards Rischmüller became member of the committee projecting a new catechism in Prussia, furthermore the chief editor of the hymn-book in the Principality of Minden in 1806 (second unchanged edition in 1816). Unjustly Rischmüller has fallen into oblivion; his work unmasks the still living 19-century-view on the Prussian part of Westphalia as a corruption of historical facts.


Seite 78–108

Philipp Reinhardt

Der "Altenburger Geschichts- und Hauskalender"

Zusammenfassung

Die ehemalige thüringische Residenzstadt Altenburg erregte in der kommunikationsgeschichtlichen Forschung zuletzt Aufmerksamkeit durch die Entdeckung der bisher umfangreichsten Kalendersammlung, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Der Beitrag schöpft aus diesem Material und untersucht exemplarisch anhand der lokalen Kalenderreihe Voraussetzungen und Intentionen dieses Volkslesestoffes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch intensive Nachforschungen im Archiv konnte der zuvor unbekannte Autor aufgedeckt werden und es wurden Einschätzungen zum Zusammenhang zwischen seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Pfarrer und den obrigkeitstreuen Beiträgen, die in Zeiten strenger Zensur von ihm verfasst wurden, möglich. Er war im Wesentlichen auch verantwortlich für die Beiträge, die jährlich Bericht über das Vorjahr gaben.

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Summary

The Thuringian town of Altenburg recently caught attention in communication history research due to the discovery of a most extensive collection of calendars which stretches back to the 17th century. The paper draws from this material and studies exemplarily the local calendar of Altenburg regarding conditions and intentions of this basic reading material within the first half of the 19th century. Through extensive research in archives the previously unknown author could be uncovered which allows assessments of the relationship between his main job as a pastor and his loyalty towards the ruler. His reports of the preceding year, have been written in times of strict censorship.


Seite 109–170

Ursula E. Koch

Politische Bildzensur in Deutschland bis 1914

Zusammenfassung

Die Kontrolle der Bildkommunikation reicht in den deutschen Staaten und "freien Städten" bis ins 16. Jahrhundert zurück und weist erst nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 eine weitgehende Vereinheitlichung auf. Unter Heranziehung der preußischen Archivbestände sowie einschlägiger Einzeluntersuchungen versucht dieser Aufsatz, Einblicke in die Gesetzgebung und Zensurpraxis verschiedener Epochen zu geben. Hierbei reicht die Spannweite von den illustrierten Flugblättern der Frühen Neuzeit über den "Vormärz" und die "Medienrevolution" 1848 bis hin zu der Vielzahl vielfältiger Bildmedien (mit Ausnahme der Kinematografie) vor Kriegsbeginn 1914 und der zeitgleichen Einführung der Militärzensur.

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Summary

The control of image communications dates back to the German states and "free cities" until the 16th century and only achieved a high degree of standardization after the founding of the German Empire in 1871. Drawing upon Prussian archives and relevant individual studies, this paper attempts to provide insight into the legislative and censorship practices of various eras. Here, the span of the illustrated flyers of the early modern period ranges from the "pre-March-1848" era and the "media revolution" of 1848 to the multitude and wide range of image media (with the exception of cinematography) before the war began in 1914 and the simultaneous introduction of military censorship.


Miszelle


Seite 171–185

Jan Hillgärtner

Die Katalogisierung der deutschen Presse des 17. Jahrhunderts im Universal Short Title Catalogue (USTC)

Zusammenfassung

Der Artikel beleuchtet die Katalogisierung deutscher Zeitungen aus dem Zeitraum zwischen 1609 und 1650, wie sie derzeit im Rahmen eines Projekts am Universal Short Title Catalogue (USTC) durchgeführt wird. Analysiert werden zunächst die bisherigen wissenschaftlichen und bibliothekarischen Anstrengungen, die deutschen Zeitungsbestände zu verzeichnen. Die derzeitigen Probleme bei der Arbeit mit Zeitungen als Quellen mit schwierigem Zugang zu den Ausgaben, wenig ausgeprägter Erschließung und vermutlich hoher Anzahl noch nicht verzeichneter Ausgaben werden untersucht. Dieser Beitrag stellt die Vorteile einer digital verfügbaren Bibliografie als Lösungsmodell zur Diskussion. Anhand der Lösungsvorschläge werden schließlich Anwendbarkeit eines digitalen Recherchetools für die Kommunikationsgeschichte und anhand erster Fallstudien neue Forschungsfragen diskutiert.

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Summary

This article focuses on the practices of cataloguing German newspaper printed between 1605 and 1650, currently undertaken at the Universal Short Title Catalogue (USTC) project. To this end, the efforts of the scholarly and library community to build a bibliography is studied. They point to the current problems of working with newspapers as historical sources such as difficult access to individual issues and the oftenpoor cataloguing and the presumably high number of currently unrecorded issues. This contribution seeks to discuss the advantages of a digital bibliography in reply to the current challenges in newspaper bibliography. Based upon this, the usability of a digital research tool will be analysed and new research questions discussed.


Seite 186–245

Buchbesprechungen


Seite 246–336

Bibliografie