FSV
Franz Steiner Verlag

Jahrbuch für Politik und Geschichte

> Band 2 (2011)

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Seite 5–10

Claudia Fröhlich / Horst-Alfred Heinrich / Harald Schmid

Editorial


Schwerpunkt: Extremismus und Geschichtspolitik


Seite 13–25

Samuel Salzborn

Extremismus und Geschichtspolitik

Zusammenfassung

Der Beitrag geht der Bedeutung von Geschichtspolitik für den Extremismus nach und konzeptualisiert drei Dimensionen, die für eine extremistische Geschichtspolitik zentral sind: Phantasie-, Kollektiv- und Identitätsgeschichte. Für die Auseinandersetzung mit Geschichtspolitik wird dabei ein dynamischer Extremismusbegriff vorgeschlagen, der soziale Wandlungsprozesse ebenso berücksichtigt wie die Bedeutung von antipluralen und monistischen Überzeugungen in der Mitte der Gesellschaft.

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Abstract

The article examines the role played by history politics in extremist thought, conceptualizing three dimensions, which are central to an extremist politics of history: imaginary history, collective history, and identity history. This analysis of history politics proposes a dynamic understanding of extremism which does not only address processes of social transformation, but also the influence of anti-pluralist and monist convictions in the social mainstream.


Seite 27–40

Gideon Botsch

Die historisch-fiktionale Gegenerzählung des radikalen Nationalismus

Über den rechtsextremen Zugriff auf die deutsche Geschichte

Zusammenfassung

Im rechtsextremen Milieu etabliert sich seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren ein alternatives Geschichts-Narrativ, das an historischen Entwicklungen, Fakten und Überlieferungen nur instrumentell interessiert ist und als historisch-fiktionale Gegenerzählung bezeichnet werden kann. Diese koppelt sich, im Rückgriff auf antisemitische Weltverschwörungs-Mythen, zunehmend von der allgemeinen Basiserzählung ab. Der Beitrag stellt zentrale Inhalte und Kampagnenthemen vor und diskutiert Funktionen der rechtsextremen Gegenerzählungen.

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Abstract

Since ten to fifteen years, a specific historical narrative has been established within the right-wing extremist milieu. This narrative does not reflect historical developments, facts, or records. Furthermore, it should be denoted as both a historical as well as a fictional counternarrative. Referring to anti-Semitic world conspiracy myths, it is no longer connected with the socially accepted basic narrative. The article presents the essential content of the right-wing extremist counternarrative together with campaign topics and discusses the counternarrative's function.


Seite 41–56

Michael Kohlstruck

Völkische Geschichtsauffassung und erinnerungspolitische Argumentationen im deutschen Rechtsextremismus der Gegenwart

Zusammenfassung

Die rechtsextreme Erinnerungspolitik folgt dem übergeordneten Ziel der Reetablierung einer völkischen Ethnos- und Geschichtsauffassung im Allgemeinen und einer Ehrenrettung des deutschen Volkes im Besonderen. Sie konzentriert sich dabei auf das größte Hindernis, nämlich die absolute Verurteilung des historischen Nationalsozialismus aufgrund seiner Verbrechen. Rechtsextreme Vergangenheitspräsentationen sind darauf ausgerichtet, die Verurteilung des Nationalsozialismus zu relativieren, indem diese Zeit als geschichtliche Normalität interpretiert wird und von einem besonderen moralischen Unwert entlastet wird; dies wiederum ist die Voraussetzung, sie als regulären Teil der eigenen Nationalgeschichte zu betrachten und sie damit dem vergangenen Leben des völkisch verstandenen Kollektivs inkorporieren zu können.

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Abstract

Politics of memory practised by German right-wing extremists aims at the reestablishment of a 'völkisch' concept of people and history in general and at defence and rehabilitation of the German people in particular. Accordingly, its main obstacle is the absolute condemnation of the Nazi regime and its crimes. With their representations of history, contemporary German right-wing extremists seek to relativise condemnation of the Nazi regime by reinterpreting National Socialist past as historical normality. In doing so, right-wing extremists want to separate this era from any special moral significance. This, in turn, is condition for perception of that time as regular part of German national history and for incorporating it into the nation’s tradition in the sense of a 'völkisch' concept of people.


Seite 57–74

Karin Priester

Populismus und Rechtsextremismus im geschichtspolitischen Vergleich

Zusammenfassung

Populismus ist ein umstrittener, ungenauer Terminus und beruht auf einer 'dünnen Ideologie' (Freeden). Er kann als Bedrohung, aber auch als Korrektiv für die Mängel der repräsentativen Demokratie wirken. Rechtsextremismus betreibt dagegen eine Fundamentalopposition gegen das gesamte demokratische System. Der Artikel vergleicht beide Bewegungen miteinander und hebt als gemeinsame Merkmale die Personalisierung von Politik und die Polarisierung von Freund und Feind hervor. Dennoch unterscheiden sich beide Bewegungen in ihren geschichtspolitischen Strategien voneinander. Der Rechtsextremismus betreibt eine umfassende historische Untermauerung seiner Politik. Sie reicht von Geschichtsrevisionismus über Heldenverehrung bis zur Pflege der tief verwurzelten biokulturellen germanischen Identität. Dagegen ist die Geschichtspolitik populistischer, oft nur kurzlebiger Bewegungen bisher wenig institutionalisiert, obgleich sich die populistische Identitätspolitik auf demselben Terrain wie der Rechtsextremismus bewegt und weitverbreitete Ängste gegen den Islam als neuen äußeren Feind mobilisiert.

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Abstract

Populism is a contested and vague term, based on a 'thin ideology' (Freeden). It can be either a threat to representative democracy or a corrective for its shortcomings, whereas right-wing extremism is a fundamental opposition to the democratic system as a whole. By bringing these movements together, the essay highlights their salient common features: the personalization of politics, and the polarization between friend and foe. Nevertheless, both movements differ from each other in their strategies concerning politics of history. It is argued, and demonstrated, that the historical underpinnings of rightwing extremism are extensive, ranging from historical revisionism to hero worship and the fostering of the deeply rooted ethnic and cultural identity of the Germanic people. Populist movements, on the other hand, are more reluctant in institutionalizing their own politics of history, albeit their identity politics moves on a common ground with rightwing extremism in mobilizing and channelling widespread anxieties against the Islam as the new outward enemy.


Seite 75–89

D. J. Mulloy

Extremism and Americanism

The modern militia movement in the United States and its history politics, 1994–2010

Zusammenfassung

Der Artikel untersucht die rechtsextreme Militia-Bewegung in den USA zwischen 1994 und 2010. Er zeigt, in welchem Maße die durch die Militias praktizierte Geschichtspolitik auf die US-amerikanische Revolution, die Entstehung der Verfassung sowie die Besiedelung des Westens des Kontinents fokussiert ist. Neben der Bewertung der aus der Vergangenheitsinterpretation abgeleiteten Ansprüche der Militia-Gruppen werden die von ihnen ausgelösten Kontroversen um den Charakter USamerikanischer Identität, die Konzeptualisierung von politischem Extremismus sowie die Beziehung zwischen den Militias und der Tea-Party-Bewegung kritisch beleuchtet.

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Abstract

Examining the right-wing militia movement in the United States between 1994 and 2010, the paper explains how the history politics practiced by the movement is rooted in its attachment to, and understanding of, the American Revolution, the period of the drafting of the Constitution, and the settling of the American West. Critically assessing the militias' claims about the past and the controversies they have engendered, the unsettled character of American identity, the essentially constructed nature of political extremism, and the militias' connection with the rise of the so-called Tea Party movement in the United States is explored.


Seite 91–108

Stefan Peters

Polyfone Geschichtsinterpretationen

Geschichtspolitische (Dis-)Kontinuitäten zwischen Diktatur und Demokratie in Spanien

Zusammenfassung

Der Artikel analysiert die (Dis-)Kontinuitäten der Geschichtspolitik in Spanien seit der Beendigung des Bürgerkrieges. Der Fokus liegt auf der Interpretation des Bürgerkrieges innerhalb Spaniens. Es wird die These vertreten, dass die anfängliche Heroisierung der Bürgerkriegsgewinner zunächst einem agonalen Memorialkult wich. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es hingegen in Spanien Raum für polyfone Geschichtsinterpretationen, die um die Erlangung gesellschaftlicher Hegemonie kämpfen.

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Abstract

The article analyses (dis-)continuities of politics of history in Spain since the end of the Civil War. It focuses on different interpretations of the Civil War among Spanish scholars and in Spanish society. It is assumed that the 'national' troops had initially been glorified whereas this position lost influence after 1960 and was replaced by an agonal memorial cult. However, since the middle of the 1990s the public discourse in Spain has been characterised by polyphonic interpretations of the past struggling for hegemony.


Seite 109–124

Sabine Bergstermann

Von "Isolationsfolter" und "Vernichtungshaft"

Der Rekurs auf die NS-Diktatur als zentrales Element der Kommunikationsstrategie der 'ersten Generation' der RAF

Zusammenfassung

Die inhaftierte Führungsriege der RAF instrumentalisierte im Rahmen einer Kommunikationsstrategie die Erinnerung an die NS-Diktatur, um Öffentlichkeit und Unterstützung im In- und Ausland zu generieren. Kristallisationspunkt war die Kritik an den Haftbedingungen. Im Kontext des Diskurses der "Isolationsfolter" und "Vernichtungshaft" wurde die Haftsituation der 'ersten Generation' in eine Kontinuität zum NS-Lagersystem gestellt. Zudem traten die Häftlinge mehrmals in einen kollektiven Hungerstreik, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Der Tod von Holger Meins führte dann zu einer weiteren Radikalisierung großer Teile des 'linkskritischen' und 'linksradikalen' Lagers sowie zur Konstituierung einer 'zweiten Generation'.

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Abstract

While being detained, the leading members of the RAF exploited memory of National Socialist dictatorship within their communication strategy for the purpose of generating publicity and support in Western Germany and abroad. Conditions of confinement of the 'first generation' of the RAF had been put into continuity to the Nazi death camps within the discourse of "Isolationsfolter" (white torture) and "Vernichtungshaft" (annihilation by confinement). The detainees went on hunger strikes to protest against their detainment condition. The death of Holger Meins on hunger strike finally led to radicalisation of parts of the 'critical' and 'radical' left and the formation of a 'second generation'.


Aktuelles Forum


Seite 127–139

Krzysztof Ruchniewicz

Die Instrumentalisierung des Nachbarn

Deutsche, Polen und ihre Geschichte


Fundstück


Seite 143–152

Harald Schmid

"The past is in my eyes the best commentary on the present"

Politik und Geschichte im Werk des englischen Historikers John Robert Seeley. Zur Einführung


Seite 153–164

John Robert Seeley

Introduction to Political Science

Two Series of Lectures


Forschungsbericht


Seite 167–185

Katarzyna Stoklosa

Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im osteuropäischen Raum