Verlagsgeschichte

Photo: FSV Archiv

Von Leipzig nach Stuttgart

Die Vergangenheit unseres Verlags ist eng verwoben mit der deutschen Nachkriegsgeschichte. Von Leipzig wanderte er in die amerikanische Besatzungszone nach Wiesbaden, wo er 1949 offiziell gegründet wurde und seinen Namen erhielt. In den 1980er Jahren ging die Reise nach Stuttgart, aber lesen Sie selbst …

Franz Steiner

Franz Steiner wurde 1892 als Sohn eines Druckereibesitzers in Gräfenhainichen bei Leipzig geboren. Nach einer Ausbildung zum Schriftsetzer übernahm er die Leitung des väterlichen Betriebs, zu dem 1927 noch eine zweite Druckerei hinzukam. Früh spezialisierte er sich auf anspruchsvollen wissenschaftlichen Satz, insbesondere auf alte und seltene Fremdsprachen und orientalistische Werke. Daraus erwuchsen ihm in der Zwischenkriegszeit enge Kontakte sowohl zur Deutschen Morgenländischen Gesellschaft als auch zur Preußischen Akademie der Wissenschaften, von denen er später profitieren sollte.

Den zweiten Weltkrieg überstanden seine Betriebe unbeschadet. Dennoch entschloss Franz Steiner sich, die Sowjetische Besatzungszone zu verlassen und mit mittlerweile über 50 Jahren in Westdeutschland neu anzufangen. Unterstützung erhielt er von den amerikanischen Militärbehörden, die schon vor ihrem Abzug aus Leipzig den Umzug mehrerer führender Verleger in den Westen organisiert hatten. So konnte Franz Steiner 1946 in Wiesbaden wieder eine wissenschaftliche Werkdruckerei eröffnen: die Wiesbadener Graphischen Betriebe. Ein guter Teil der alten Belegschaft folgte ihm.

Im Mai 1949 erhielt er die Lizenz zur Gründung eines eigenen Verlages, dem er seinen Namen gab: Franz Steiner Verlag. Dabei kamen ihm seine alten Verbindungen zugute: Noch aus den 30er Jahren kannte er Helmuth Scheel, den Direktor der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Geschäftsführer der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, der nun in Mainz deren Wiederbegründung sowie den Aufbau der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur betrieb. Mit beiden Institutionen konnte Franz Steiner bereits im Jahr der Verlagsgründung langfristige Verträge abschließen, außerdem arbeitete er von Anfang an eng mit der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (dem Vorläufer der jetzigen Deutschen Forschungsgemeinschaft) zusammen. Es gelang ihm u.a. auch, die westdeutsche Lizenz für den ersten Nachkriegsduden zu erwerben, der 1947 in Leipzig veröffentlicht worden war. Der neue Verlag etablierte sich schnell, und Franz Steiner wurde zu einer maßgebenden Persönlichkeit beim Wiederaufbau des wissenschaftlichen Verlagswesens im Nachkriegsdeutschland. Bis zu seinem Lebensende im Jahr 1967 behielt er die Fäden in der Hand, und seine programmatische Ausrichtung des Hauses hat sich in ihren Grundzügen bis heute bewahrt.

Karl Jost

Vier Jahre nach seinem Tod verkaufte sein Sohn Claus Steiner das Unternehmen an die Athenäum-Verlagsgruppe des Konzerns Harcourt, Brace & Jovanovich (New York) und schied kurz darauf selbst aus dem Betrieb aus. Die „amerikanischen Jahre“ erwiesen sich jedoch als Episode: Bereits 1974 erfolgte unter der Federführung von Karl Jost, der schon 1953 als Herstellungsleiter in den Verlag gekommen war, der Wechsel in die Verlagsgruppe des Deutschen Apotheker Verlags – ein Neffe Franz Steiners hatte dort als einer der Geschäftsführer die Verhandlungen angestoßen.

Vincent Sieveking

Mit der Verabschiedung von Karl Jost in den Ruhestand übernahm Vincent Sieveking 1977 das Steuer. Mit ihm an der Spitze zog der Verlag 1984 von Wiesbaden nach Stuttgart, dem Hauptsitz der Verlagsgruppe. Dort hat er noch heute seinen Platz.

Vincent Sieveking, von Haus aus Slavist und Anglist, führte den Verlag 24 Jahre. Unter seiner Ägide wurde vor allem das geschichtswissenschaftliche Programm entscheidend ausgebaut: Neben der Altertumswissenschaft etablierten sich hier neue Schwerpunkte wie die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, die Medizingeschichte und die Osteuropaforschung. Die Schriftenreihen und Zeitschriften dieser Themenfelder sichern bis heute den Ruf des Franz Steiner Verlags als einer der führenden geisteswissenschaftlichen Fachverlage Deutschlands.

Thomas Schaber

Seit dem Jahre 2001 leitet Thomas Schaber den Verlag. Der promovierte Politologe knüpft in der Programmplanung an seine Vorgänger an und entwickelt so die traditionellen Verlagsschwerpunkte kontinuierlich weiter – sowohl im Print- als auch im E-Publishing-Bereich. Konsequent verfolgt er die Internationalisierung des Hauses durch Erschließung neuer Vertriebswege, Marketingformen und Kooperationen.

Unter der Leitung von Thomas Schaber konnte der Franz Steiner Verlag seine eLibrary aufbauen; eine sich stetig weiterentwickelnde elektronische Plattform, die seit 2014 Bibliotheken und privaten Nutzern die gesamte Bandbreite des digitalen Buch- und Zeitschriftenprogramms erschließt und auch die Open Access-Angebote des Verlags präsentiert. 2022 bildeten die Franz Steiner eBooks und Journals die Basis für die verlagsübergreifende Plattform > BiblioScout, die die ursprüngliche Franz Steiner eLibrary ersetzt.

Auch das Verlagsprogramm wächst stetig weiter, unter anderem durch die Erschließung neuer Buchreihen, wie beispielsweise den 2020 eingeführten Reihen Transgressionen, Studien zur Übersetzungsgeschichte oder der Bibliothek der lateinischen Literatur der Spätantike.

Mit der Aufnahme des Berliner Wissenschafts-Verlags im Jahr 2015 erweitert sich das Produktangebot nochmals in den Bereichen Recht, Politik und Wirtschaft, Geschichte sowie öffentliche Verwaltung.

Literatur

Irene Ferchl: Man muß Atem haben. Verlagsporträt Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe) Nr. 18 vom 5. März 1985.

Karl Jost: Daten – Tatsachen – Fakten. Lebenserinnerungen, 2 Bde., Wiesbaden 1990 (ungedruckt).

Hans Robert Roemer: Nachruf auf Franz Steiner (1892–1967), in: Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft 118 (1968), 219–223.

Bernhard Sticker: Wissenschaftlicher Verlag und Forschungsplanung. Franz Steiner zum 75. Geburtstag, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe) Nr. 60 vom 28. Juli 1967.