FSV
Franz Steiner Verlag

Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte

> Band 15 (2013)

>> zurück / back

>> zur Bestellung / order here


Aufsätze


Seite 5–27

Esther-Beate Körber

Das Selbstverständnis Michaels von Aitzing nach dem Zeugnis seiner deutschen Messrelationen

Zusammenfassung

Michael von Aitzing gilt als Begründer der Messrelationen, der ältesten deutschen Periodika, die halbjährlich zu den Messen erschienen. Wie diese Studie zeigt, wollte er jedoch eher eine Chronik der konfessionellen Kämpfe seiner Zeit in Fortsetzungen schreiben. Wahrscheinlich hat sein Kölner Verleger Gottfried von Kempen die Periodizität "erfunden". Aitzing hielt dagegen an seinem Chronikplan fest. Deshalb schrieb er auch nicht sachlich wie ein Verfasser geschriebener Zeitungen derselben Zeit, sondern parteilich für die katholische Kirche. Das hielt er für notwendig, weil er glaubte, die schlimmste Krise der Kirche kurz vor dem Ende aller Zeit zu erleben. Er verstand sich selbst als Chronist der Endzeit; deshalb schrieb er den Ereignissen seiner Gegenwart besondere Bedeutung zu.

---

Summary

Michael von Aitzing is known as the founder of the "Messrelationen", the first German semestral periodicals. This study, however, shows that rather his editor Gottfried von Kempen in Cologne must have "invented" the periodicity. Aitzing stuck to his plan to write a compendious chronicle of the sectarian conflicts of his time. As he saw himself as a writer rather of a chronicle than of actual news, for which impartiality was considered necessary, he had no problem being partial for Catholicism. He thought this to be all the more necessary as he believed the Last Judgement to be near, so it would be vital to keep allegiance to the Church.


Seite 28–48

Alix Winter

Europäische Öffentlichkeit in der Epoche der Aufklärung

Das Medienereignis "Affäre Calas" als Beispiel frühneuzeitlicher Kulturverflechtung

Zusammenfassung

Anhand des Rechtsfalls um den Hugenotten Jean Calas untersucht dieser Artikel die Transferprozesse frühneuzeitlicher Öffentlichkeit in Europa. Die Nachricht über die posthume Rehabilitierung des unschuldig Angeklagten und 1762 in Toulouse hingerichteten Calas verbreitete sich zeitgleich mit der französischen auch in der deutschen Presse und früher als in Frankreich wurde der Stoff dieses Rechtsskandals in Gedichten und Theaterstücken literarisch verarbeitet. An Ereignissen wie diesem, die in dem aufkommenden Massenmedium Zeitung, aber auch in Literatur und Kunst berichtet und verarbeitet wurden, lässt sich die genuin europäische Dimension der Öffentlichkeit vom Beginn ihrer Herausbildung im 18. Jahrhundert nachverfolgen. Kultureller Transfer wird damit weniger zwischen national abgeschlossenen Kulturräumen gedacht, als vielmehr im Sinne einer über politische Grenzen hinausgehenden Kulturverflechtung.

---

Summary

This article examines transfer processes in the early-modern public sphere in Europe using the legal case of the Huguenot Jean Calas. Calas was innocent but nevertheless executed in 1762 in Toulouse. He was posthumously rehabilitated within a couple of years, and news of this spread simultaneously in the French and German press. Interestingly, the Calas Affair made its way into poems and theater plays earlier in Germany than in France. The treatment of events like the Calas Affair in the emerging mass medium of the newspaper but also in literature and art permits the unsheathing of the intrinsically European dimension of the public sphere at the beginning of its formation during the eighteenth century. Cultural transfer thence is conceived of here as occurring less between discrete national areas than as a form of cultural entanglement transcending political borders.


Seite 49–88

Holger Böning

Friedrich II. von Preußen und die Publizistik

Ein Literaturbericht zum Jubiläumsjahr 2012

Zusammenfassung

Der Literaturbericht, in dessen Mittelpunkt kommunikations-, medien- und pressegeschichtlich bedeutsame Beiträge stehen, setzt sich mit der zu Friedrichs II. 300. Geburtstag erschienenen Literatur auseinander. Besonders interessiert dabei die Behandlung des publizistischen Wirkens des preußischen Königs und seiner Öffentlichkeitsarbeit in allen ihren Facetten, ebenso die Frage, wie die Forschung sich heute mit dem Verhältnis des Königs zu den zeitgenössischen Medien und den Möglichkeiten der Publizistik auseinandersetzt.

---

Summary

Meeting the 300th anniversary of his birth, about a hundred new publications about Frederic II of Prussia made it to the bookshops. Reviewing these most recent publications, the article selectively focuses on significant new historical research about the then communication, media and press. Special attention is paid to studies which reveal how skillfully the king used his writing, his actions in public and his public relation by all available means to frame the public picture of him. Adding to this, the author reflects how contemporary research nowadays views the king's appreciation of the media and his judgment of the then press' potentials.


Seite 89–122

Rudolf Stöber

Vom "Augusterlebnis" zur "Novemberrevolution"

Öffentlichkeit zwischen Kriegsbegeisterung (?) und Herbstdepression

Zusammenfassung

Der Erste Weltkrieg schuf Mythen und hinterließ Traumata. Ein Mythos ist das "Augusterlebnis". Die überlieferte Begeisterung war keineswegs allgemein, sondern hing von verschiedenen Umständen ab, insbesondere von Zeit, Bildung und Interesse. Es konnten diverse Aufmerksamkeitsartefakte nachgewiesen werden. Seit dem Herbst 1914 entwickelte sich die allgemeine Stimmung der deutschen Öffentlichkeit dann einerseits parallel zum Kriegsverlauf, andererseits spielten sich aber immer stärker alltägliche Sorgen und Nöte in den Vordergrund. Die Propaganda auf allen Kanälen – neben der Pressepolitik waren insbesondere Vertrauensleute wichtig – konnte dem mit Fortdauer des Krieges nur noch unzulänglich entgegenwirken. Wie wichtig das Vertrauen in die Autoritäten bzw. der Vertrauensverlust wurde, konnte an der Diskussion um die kriegsverkürzende oder kriegsverlängernde Wirkung der Anleihen nachgezeichnet werden. Die Diskreditierung der alten Eliten war neben dem militärischen Zusammenbruch die Ursache der Revolution. Das Trauma der Niederlage sowie das vielleicht noch tiefere der sich an die Niederlage anschließenden Inflation prägen die deutsche Mentalität bis heute.

---

Summary

The Great War created its own myths. The "Augusterlebnis" was a myth from its start. The patriotic hysteria was not as common as collectively remembered. Its strength depended on social interest, time and education. Furthermore, some of its aspects are related to a scientific misinterpretation of sources that is caused by rules of attentiveness. More or less, the public mood developed parallel with the tide of war since autumn 1914. Nevertheless, the people's fears and urgent needs increased from year to year. Both, press politics and propaganda by dignitaries, lost their grip on the people's mind and mood. The pros and cons discussions about war bonds did show a remarkable effect: the decline of trust in authorities. The former elites went bankrupt. Their bankruptcy and Germany's military defeat were the main causes of the November Revolution. At the end of the Great War Germany's utter defeat led to a collective trauma. It just was topped by the trauma of the hyperinflation. Both left deep scars in the mental disposition of the Germans until today.


Seite 123–138

Hans Rudolf Wahl

Die illustrierte NS-Wochenzeitung "Der SA-Mann" 1932–1934

Ein Beitrag zur Ästhetik des SA-Faschismus

Zusammenfassung

Ohne die SA ist eine nationalsozialistische Machteroberung in den Jahren 1930 bis 1934 ebenso wenig vorstellbar wie ohne Hitler. Der SA-Faschismus als Massenbewegung generierte einen spezifischen Lifestyle, der ästhetisch vermittelt war und die zeitgenössische Jugendkultur adaptierte. Die illustrierte Massenpresse der Zeit avancierte so zu einem zentralen Medium des SA-Faschismus. Die illustrierte NS-Wochenzeitung "Der SA-Mann" erweist sich in diesem Zusammenhang als besonders relevant. Ihre Genese und Distribution wird ebenso untersucht wie ihr spezifischer Beitrag zur Ästhetik des SA-Faschismus inklusive der damit verbundenen konstituierenden Feindbilder und Selbstbeschreibungen.

---

Summary

The national socialist seizure of power is not conceivable neither without the SA nor without Hitler. The SA-fascism as a mass movement in the years 1930 until 1934 generated a specific lifestyle, which was aesthetically generated and which adapted the youth culture of that time. The illustrated popular press advanced to a central media of this SA-fascism. The article is researching the illustrated NS-weekly "Der SA-Mann", its genesis and distribution and its specific contribution to the aesthetics of the SA-fascism together with its associated constituent stereotypes and self-descriptions.


Miszellen


Seite 139–161

Christa Müller

Alter Wein in neuen Schläuchen

Der aktuelle Stand der Zeitungsdigitalisierung, ein Zwischenbericht

Zusammenfassung

Digitalisierung ist nun schon eine an vielen Bibliotheken praktizierte Methode, den Bestand einem weltweiten Publikum einfach zugänglich zu machen. Die Autorin zeigt auf, warum besonders viele Zeitungsdigitalisierungsprojekte initiiert wurden. Neben deutschsprachigen werden auch internationale Best-Practice-Beispiele kurz vorgestellt. Es werden die besonderen Herausforderungen, welche das "Material" Zeitung für die Digitalisierung bedeutet, ebenso aufgezeigt, wie die besonderen Vorteile, welche diese Projekte bringen können. Abschließend wird ein kurzer Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des Zeitungsportales ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben.

---

Summary

Digitization has been used for many years by libraries to make their holdings accessible worldwide. The article shows, why many of those digitization-projects concentrate on newspapers. German as well as international best practice projects are introduced. The challenges that come with newspaper digitization are described as well as all the advantages that come with them. Finally the author gives a brief outlook on the future development of ANNO, the historical newspaper portal of the Austrian National Library.


Seite 162–166

Martin Welke

Die Sonderbegabung

Vor 100 Jahren wurde Else Bogel-Hauff geboren


Seite 167–242

Buchbesprechungen


Seite 243–337

Bibliografie