FSV
Franz Steiner Verlag

Jahrbuch für Politik und Geschichte

> Band 4 (2013)

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Seite 5–10

Claudia Fröhlich / Harald Schmid / Birgit Schwelling

Editorial


Schwerpunkt: Geschichte ausstellen


Seite 13–29

Thomas Thiemeyer

Evidenzmaschine der Erlebnisgesellschaft

Die Museumsausstellung als Hort und Ort der Geschichte

Zusammenfassung

Ausgehend vom Konzept der Geschichtskultur bietet der Beitrag einen Überblick über die historische Entwicklung des Phänomens Geschichtsausstellung im Museum. Er resümiert wichtige Theorien zum Museum. Zudem nimmt er neuere Kontroversen der Museumsforschung um das kulturhistorische Museum und seine Objekte in den Blick, wie sie sich beispielsweise über die auratische Wirkung der Dinge und die museumsadäquaten Darstellungsstrategien entsponnen haben. Dabei vertritt der Autor die These, dass historische Ausstellungen aufgrund der Evidenz ihrer Präsentationen ein ganz eigenes epistemisches und emotionales Potenzial besitzen, das durch die Wirkung der Objekte und ihre Inszenierung im Raum freigesetzt wird.

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Abstract

Based on the concept of 'Geschichtskultur' (Jörn Rüsen) the article gives an overview of the historical development of history exhibitions in museums. Summarizing important theories about the museum and its objects it reflects recent controversies in museum studies around the history museum. Especially modes of display and questions about museum objects are discussed, for example about the auratic effects of things and the appropriateness of different strategies of display. The author puts up the thesis, that historical exhibitions have a genuine epistemic and emotional potential due to the evidence of their staged objects – a potential that grounds in the authenticating effects of objects and their presentation in space.


Seite 31–43

Stefan Krankenhagen

Die Sache Europa

Das Musée de l'Europe: Von dem (vorerst) gescheiterten Versuch, die europäische Integration zum Subjekt der Geschichte zu machen

Zusammenfassung

Europa ist im Laufe der letzten zwanzig Jahre im zweifachen Sinne zur res Europa geworden: zu einer politischen Verhandlungssache und zu einer historischen Ausstellungssache. Dem politischen und ökonomischen Integrationsprozess folgte seit dem Vertrag von Maastricht zu Beginn der 1990er-Jahre die Kulturalisierung Europas als einer gemeinsamen Geschichte, die es wert sei, ausgestellt zu werden. Weil jenes Geschichtssubjekt Europa der öffentlichen Legitimierung bedarf, spielt die Figur des Zeitzeugen in der musealen Inszenierung eine wichtige Rolle. Der Aufsatz zeigt am Beispiel des Musée de l’Europe in Brüssel die ästhetischen Formen, die jene Praxis des Bezeugens annehmen kann: als Erwartung auf Geschichte, als Erfahrung in der Geschichte und als Blick der Geschichte.

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Abstract

During the last two decades, Europe has become more than just a topic of political and economic negotiations. Since the 1990s and the Maastricht treaty, Europe has undergone an extensive culturalisation, using museums, exhibitions and collections to legitimatize a common history of Europe. Because this specific history subject 'Europe' needs public legitimacy, the figure of the contemporary witness plays an essential role in the museum staging. This paper aims to illuminate the role the witness plays in testifying to a common European history exhibited in the museum. Taking the Musée de l’Europe in Brussels as an example, the use of video testimonies as a European history from below will be critically examined.


Seite 45–66

Thorsten Heese

Museum 2.0 und Migration

Das Virtuelle Osnabrücker Migrationsmuseum als Instrument partizipativer Museumsarbeit

Zusammenfassung

In der Museumsdebatte stellen sich aktuell drei wichtige Fragen: 1. Wie wirken sich die neuen technischen Herausforderungen von Internet und 'Social Media' auf die Museumsarbeit aus? 2. Inwieweit kann sich das Museum durch eine forcierte Partizipation seinem Publikum weiter öffnen? 3. Wie sollte das 'System Museum' in einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft konditioniert sein? Anhand des Virtuellen Osnabrücker Migrationsmuseums spielt der Autor die mit 'Museum 2.0', 'Partizipation' und 'Migration' umrissene Debatte exemplarisch durch. Dabei wird als Zukunftsperspektive insbesondere die zentrale Rolle der Institution 'Museum' als Ort des kulturellen und gesellschaftlichen Dialogs herausgestellt.

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Abstract

In the museum debate three main topics are being discussed: 1. How do the new technical innovations like the internet and the social media influence the work in museums? 2. How far can museums open themselves towards their guests by propagating participation? 3. How should the system 'museum' be shaped in a multicultural immigration society? The author exemplifies the work with the Virtual Osnabrück Migration Museum by focussing on 'museum 2.0', 'participation' and 'migration'. As a result, he sees the main perspective in the role of the institution 'museum' as a place of cultural and social dialogue.


Seite 67–86

Britta Lange

Geschichte als Argument

Deutsche Kolonien und deutsche 'Heimat' in der Berliner Gewerbeausstellung 1896 und in der Retrospektive von 1996/2007

Zusammenfassung

Dieser Beitrag untersucht, welches Geschichtsbild in der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 entworfen wurde, die die 'erste deutsche Kolonialausstellung' umfasste. Die dort präsentierten 'Eingeborenen' aus Afrika und Neuguinea wurden zwar über Strategien des Othering als Andere der deutschen Identität konstruiert, doch in ethnografischen Dörfern als lebende Erfolgsbeispiele der deutschen 'Zivilisierung' vorgestellt sowie diskursiv als 'unsere Landsleute' in die deutsche 'Heimat' inkorporiert. Retrospektiven auf die Gewerbeausstellung von 1996 und 2007 im Heimatmuseum Treptow thematisierten die historische Kolonialausstellung vor allem unter dem Aspekt der Lokalgeschichte als Standortfaktor für die gegenwärtige 'Heimat'.

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Abstract

This article tackles the concept of history provided by the Berlin trade exhibition in 1896 which included the 'first German colonial exhibition'. 'Natives' from Africa and New Guinea were displayed as Others of the German identity by strategies of othering. But at the same time they were presented as examples of the successful German efforts to 'civilize' them and integrated in the German 'Heimat' by dicourses on 'our countrymen'. 1996 and 2007 retrospectives on the trade exhibition in the Heimatmuseum Treptow referred to the colonial show under the focus of local history which served as a location factor for the actual 'Heimat'.


Seite 87–100

Martin Große Burlage

Die Stauferausstellungen von 1977 und 2010/11

Zur Motivik und Entwicklung historischer Groß- und Landesausstellungen

Zusammenfassung

Vor nunmehr 36 Jahren begann die bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte historischer Groß- und Landesausstellungen. Um die Entwicklung sowie die Beweggründe und Funktionen dieser Sonderpräsentationen zur Geschichte offenzulegen, untersucht der vorliegende Aufsatz zwei thematisch und epochal eng verwandte Großexpositionen exemplarisch, die als Anschauungsbeispiele beinahe den gesamten Zeitraum vom Beginn der Entwicklung bis heute umrahmen: die Stauferausstellungen von 1977 in Stuttgart und von 2010 in Mannheim. Im Fokus stehen dabei neben der Motivik der Ausstellungsmacher und Besucher vor allem auch Wandlungen und Konstanten in der Entwicklungsgeschichte der Ausstellungen sowie Perspektiven und Gefahren der historischen Großprojekte.

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Abstract

It has been 36 years now since the successful history of major and countypromoted historical exhibitions began. In order to show the development as well as the incitement behind and the functioning of these special presentations of historical epochs the essay at hand exemplarily analyzes two thematically and chronologically closelyrelated major exhibitions incorporating almost the complete period of time in question, from the beginning of its development until today: The exhibitions about the 'Staufen era' in Stuttgart 1977 and in Mannheim 2010. Next to the exhibition organizers' and visitors' motivation the focal point hereby lies not only on alterations and constants in the exhibitions' developmental histories but also on future perspectives and dangers of major historical projects.


Seite 101–117

Silvio Peritore

Die Präsentation des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti und Roma in Ausstellungen

Zusammenfassung

Der Beitrag beleuchtet die historische Bewertung des Genozids an den Sinti und Roma sowie daraus resultierende Kontroversen und Entwicklungsprozesse in der deutschen Erinnerungskultur. Dazu werden die Erwartungen der Sinti und Roma zu Ausstellungen zum Holocaust nach politischen, historischen und pädagogischen Kriterien beschrieben. Der von Vorurteilen geprägte politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und juristische Umgang mit den deutschen Sinti und Roma wirkte sich lange Zeit auch auf das Gedenken an die Opfer aus. Diesen blieb bis zum Beginn der Bürgerrechtsarbeit in den 1970er-Jahren die Anerkennung versagt. Abschließend wird der aktuelle Stellenwert der Sinti und Roma als Opfer des Holocaust in der Erinnerungskultur beschrieben.

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Abstract

This article focuses on the historical valuation of the Genocide against the Sinti and Roma and the resulting controversies and the processes developed in the German culture of remembrance. The society’s political, social, academic and juristic interacting with German Sinti and Roma had been characterized by prejudice for a long time. Until the beginning of their fight for civil rights in the 1970th it was accompanied by neglecting the memory of the victims and denying acknowledgment. Finally there will be described the actually Status of the Sinti and Roma being acknowledged as victims of the Holocaust in the culture of remembrance.


Seite 119–138

Bert Pampel

Nivellierendes Erinnern

Besucherreaktionen an historischen Orten aufeinanderfolgenden nationalsozialistischen und kommunistischen Unrechts

Zusammenfassung

Deutschland hat sich wie kein zweites europäisches Land mit den Untaten und Ideologien von Nationalsozialismus und Kommunismus auseinanderzusetzen. Hierbei entzünden sich immer wieder Kontroversen um Orte mit 'doppelter Vergangenheit', das heißt um Stätten wie Buchenwald, Sachsenhausen oder Torgau, an denen auf die nationalsozialistischen Verbrechen kommunistische folgten. Der Beitrag fragt nach Bewertungen, Eindrücken oder Schlussfolgerungen, mit denen Besucher auf die Deutungen reagieren, die die vor Ort eingerichteten Gedenkstätten anbieten. Unter Bezug auf Besucherbucheinträge, Fragebogenuntersuchungen und fokussierte Interviews wird die These vertreten, dass sie entgegen den Intentionen der Kuratoren, die überwiegend auf bevorzugte Behandlung des Nationalsozialismus und auf Differenzierung zielen, die Unterschiede zwischen den aufeinanderfolgenden Zeiträumen tendenziell einebnen.

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Abstract

Germany must deal like no other European country with the crimes and ideologies of National Socialism and Communism. A fact that often sparks up controversies about historic sites with a double history, such as Buchenwald, Sachsenhausen, and Torgau, where communist crimes followed National Socialist atrocities. The article discusses assessment, impressions, and conclusions with which visitors reacted to interpretations projected by the local memorial museums. Based on the visitors' entries in guest books, surveys, and focused interviews, it is argued that these reactions contrary to the curators' intentions – aimed mainly at the preferential treatment of National Socialism and differentiations – tend to level out the distinctions between the successive periods.


Seite 139–156

Irmgard Zündorf

DDR-Geschichte – ausgestellt in Berlin

Zusammenfassung

Ausgehend von der Annahme, dass die Erinnerung an die DDR auch durch Ausstellungen geprägt wird, geht der Beitrag der Frage nach, welche Bilder und Narrative in den musealen Präsentationen konstruiert werden. Dabei wird der Blick vor allem auf Berliner Ausstellungen gelenkt und die Hauptstadt als Brennpunkt der Auseinandersetzungen um die DDR-Erinnerung verstanden. Während nach 1990 in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur zunächst der Blick auf die Repressionsgeschichte und damit das Diktaturgedächtnis vorherrschte, wandelte sich die Ausstellungslandschaft langsam, wobei private Museen, die das Fortschrittsgedächtnis präferierten, die Vorreiter bei der Präsentation der Alltagsgeschichte waren. In Berlin lässt sich jedoch nach wie vor ein starker Schwerpunkt auf dem Diktaturgedächtnis feststellen.

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Abstract

Based on the assumption that memories of the GDR are shaped among other things by exhibitions, this article poses the question as to how pictures and narratives in museum presentations are constructed. Because the focal point of the discussion about GDR commemoration is mainly located in Berlin, this article concentrates on exhibitions in the Capital. After 1990 the focus of memory culture in reunified Germany was upon the history of repression, with the dominant memory of dictatorship. During the last 10 years the exhibition landscape has changed. The number of private museums has increased; they mostly present everyday culture and prefer the memory of progress. As will be argued, in Berlin there is still an emphasis upon the memory of dictatorship.


Atelier & Galerie


Seite 159–176

Félix Krawatzek / Rieke Trimçev

Eine Kritik des Gedächtnisbegriffes als soziale Kategorie

Zusammenfassung

Der vorliegende Aufsatz diskutiert in konstruktiver Absicht die Rolle des Begriffes 'Gedächtnis' in der sozial-, geschichts- und kulturwissenschaftlichen Erinnerungsforschung. In einer Auseinandersetzung mit dem Konzept der mémoire collective bei Maurice Halbwachs wird in einem ersten Teil das begrifflich-historische Möglichkeitsbewusstsein erweitert. Die Kontextualisierung Halbwachs' im Gedächtnisdiskurs der vorletzten Jahrhundertwende unterstreicht, dass seine Vorstellung der mémoire eine dynamische und pluralisierende ist. Eine Analyse des Gebrauchs des Begriffes 'Gedächtnis' in der deutschen Forschungslandschaft zeigt im zweiten Schritt, dass besonders diese Bedeutungsschichten heute hinter statischen und homogenisierenden Konzepten zurücktreten. Vor diesem Hintergrund arbeitet der Aufsatz abschließend perspektivisch an einer Wiedergewinnung des Verständnisses für die dynamischen und pluralen Momente von Erinnerung. Dazu wird auf das Privatsprachenargument von Ludwig Wittgenstein zurückgegriffen.

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Abstract

This article develops a constructive challenge to the role of the concept Gedächtnis in the interdisciplinary field of memory studies. The conceptual and historic awareness of this term is broadened with an analysis of Maurice Halbwachs' concept mémoire collective in a first section. The contextualization of Halbwachs in the discourse on memory around the turn from the 19th to the 20th century emphasises that his notion of mémoire is dynamic and plural. However, an analysis of the use of the term Gedächtnis, particularly in the German research environment, illustrates that especially these layers of meaning are neglected today in favour of static and homogenising concepts. Bearing this in mind, the article concludes with an effort to regain an understanding for dynamic and plural moments of memory. To this end the private language argument of Ludwig Wittgenstein will be explored.


Seite 177–191

Sebastian Haak

History in the Best Interest of National Defense

Das US-amerikanische Militär und The Good War

Zusammenfassung

US-Amerikaner erinnern sich an keinen Krieg so gerne wie an den Zweiten Weltkrieg, der von ihnen auch The Good War genannt wird. Mit diesem Aufsatz zeige ich in einer Annäherung an das Thema, wie und warum es zu dieser Zuschreibung kommen konnte: dass nämlich die Entstehung des Good-War-Bildes eng mit dem Kalten Krieg verwoben war. Diese Verbindung arbeite ich erstens exemplarisch an den Interaktionen zwischen US-Militär und Hollywood während der Produktion des Films The Longest Day (1962) heraus, ehe ich zweitens auf den Kontext dieser Zusammenarbeit eingehe und schließlich auf zwei weitere Faktoren verweise, die zentrale Momente der Entstehung des Good-War-Bildes waren.

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Abstract

Up to this day Americans love stories about World War II which they remember as The Good War. In this article I trail why Americans remember World War II in such a fashion und how that image came into being. The key argument presented herein is: The Good War is very much a product of the Cold War. I traces this connection by – first – taking a look on why and how Hollywood and the U.S. military interacted during the production of the movie The Longest Day (1962). Second, I examine how the relationship between filmmakers and the military was influenced by the Cold War and how through this relationship the military was able to push a view of World War II as The Good War in American post-war memory. Finally I point to two other factors that have been defining moments for the creation of the Good War-remembrance.


Aktuelles Forum: Zukunft der Erinnerung


Seite 195–202

Bill Niven

Multidirectional or Multidimensional?

The Future of German Memory


Seite 203–213

Thomas Großbölting

Die Zukunft der Erinnerung?

Das sich wandelnde Verhältnis von öffentlicher Geschichtsthematisierung und Geschichtswissenschaft als Herausforderung


Fundstück


Seite 217–233

Sophie Oliver

Oscar Muñoz: Colombia’s Desaparecidos, Contemporary Art and the Spectres of Remembrance


Forschungsbericht


Seite 237–258

Anne K. Krüger

Transitional Justice