FSV
Franz Steiner Verlag

Jahrbuch für Politik und Geschichte

> Band 5 (2014)

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Seite 5–11

Claudia Fröhlich / Harald Schmid / Birgit Schwelling

Editorial


Schwerpunkt: 25 Jahre europäische Wende


Seite 15–41

Stefan Troebst

Gemeinschaftsbildung durch Geschichtspolitik?

Anläufe der Europäischen Union zur Stiftung einer erinnerungsbasierten Bürgeridentität

Zusammenfassung

Im Anschluss an die Osterweiterung von 2004 hat die Europäische Union Ansätze zu einer eigenen Geschichtspolitik entwickelt, im Zuge derer 2009 Anti-Totalitarismus als kleinster gemeinsamer Nenner identifiziert wurde. Die Erinnerung an die Gesellschaftsverbrechen der Totalitarismen und an deren Opfer, so diese Vorstellung, soll den Angehörigen der mittlerweile 28 EU-Nationalgesellschaften zum einen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln und zum anderen mit Blick auf Gegenwart und Zukunft die EU-weit gemeinschaftliche aktive Ablehnung totalitarismusaffiner Ideologien und Haltungen befördern. Hauptkomponenten des neuen eschichtspolitischen Instrumentariums sind Gedenktage, Parlamentsentschließungen und Museen.

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Abstract

In the wake of its Eastern enlargement of 2004, the European Union has developed components of its own politics of history. In doing so, in 2009 anti-totalitarianism has been identified as the lowest common denominator of EU citizens. To remember the mass crimes of totalitarian regimes and their victims is supposed to convey to the members of the 28 national societies a common historical identity. With regard to the present and the future, the joint active condemnation of any form of totalitarian or authoritarian ideologies is called upon. The main components of the new EU politics of history are days of remembrance, parliamentary resolutions and museums.


Seite 43–65

Arnd Bauerkämper

Auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur?

Der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust und die stalinistischen Verbrechen im Gedächtnis der Europäer seit 1945

Zusammenfassung

Am Beispiel der Erinnerungen an den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die stalinistischen Verbrechen diskutiert der Beitrag, inwiefern eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur möglich ist. Die Untersuchung zeigt, dass sich in Europa seit 1945 kein einheitliches Gedächtnis herausgebildet hat. Vielmehr sind hier Erinnerungen an die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts vielfältig, pluralistisch und umstritten geblieben. Diesem Befund wird eine differenzierte Betrachtungsweise der Erinnerungslandschaft in Europa gerecht, die vor allem räumliche, zeitliche und generationelle Differenzen konturiert und Erinnerungsprozesse als offen und relational versteht. So hat die zunehmende Hinwendung zu einem universalistischen Opfergedächtnis in Europa nationale Gedächtnisregimes verändert, ohne diese zu ersetzen. Vielmehr sind sie mit dem Bezug auf Menschenrechte durch eine selbstkritische '"dünne" Erinnerungskultur überlagert worden, besonders in Westeuropa.

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Abstract

This article deals with memories of National Socialism, the Second World War, the Holocaust and Stalinist extermination policies in Europe after 1945. It demonstrates that a common European memory culture has not evolved since the end of the Cold War. On the contrary, Europeans remember mass violence in diverse and even contradictory ways, and memories have remained contested and fractured, both within and between nation-states. This finding reveals the need to recognize the variegated perspectives of European memory culture to account for wide-ranging spatial, temporal and generational differences. Studies of memory cultures in Europe should conceive of remembering as an open-ended and multi-layered process. In particular, the turn to more cosmopolitan and even universalistic memories of mass atrocities in the twentieth century has reframed rather than replaced national memory cultures, especially in Western Europe. They have increasingly been overlaid by a "thin" culture of more self-critical narratives related to universal human rights.


Seite 67–84

Harald Wydra

Europäische Hintergründe des Vergessens in Ost und West

Zusammenfassung

Dieser Beitrag plädiert für eine kritische Reflexion der Kodierung des kulturellen Gedächtnisses in Europa. Die Frage ist weniger, wie im Westen und Osten Europas erinnert werden soll, sondern unter welchen existenziellen Bedingungen kollektive Gemeinschaften vergessen haben. Meine These ist, dass in (West-)Deutschland generationelle Brüche nach 1945 eine Selbstvergessenheit befördert haben, die in Symptomen wie der Entwöhnung vom Patriotismus, der Identifikation mit den Opfern und der Ausbildung eines Tätertraumas sichtbar werden. In Ostmitteleuropa hingegen haben die Modalitäten der Staats- und Nationenbildung unter Bedingungen der politischen Moderne weit vor 1945 politisch-kulturelle Unsicherheit als Seinsmodus der Nation begründet. Gerade weil territoriale Integrität brüchig war, Zugehörigkeiten zum Staatsvolk umstritten waren, und Geschichtsbewusstsein romantisiert wurde, hat das Vergessen hier Ideen wie nationale Selbstbestimmung und historischen Revisionismus befördert. Für ein besseres Verständnis des "geteilten Gedächtnisses" in Europa sind daher vergleichende Studien notwendig, in deren Rahmen die "ererbten" Hintergründe von Praktiken des Vergessens untersucht werden.

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Abstract

This article makes a case for a critical reflection on the codification of cultural memory in Europe. The question is less how Europe should remember across the East-West divide but rather under what existential conditions collective communities forget. My proposition is that generational shifts in (West-)Germany after 1945 promoted a form of self-oblivion in terms of perpetrator trauma, the coming off patriotism, and identification with victims. In East-Central Europe, however, the modalities of stateformation and nation-building under conditions of political modernity far before 1945 shaped feelings of political and cultural insecurity of the nation as a mode of being. Due to the fragility of territorial integrity, the precariousness of state populations, the contestedness of belonging, and the romanticisation of historical consciousness, forgetting promoted ideas of national self-determination and historical revisionism. The understanding of divided memories in Europe requires comparative studies of inherited backgrounds of practices of forgetting.


Seite 85–106

Ljiljana Radonic

Postsozialistische Gedenkmuseen zwischen nationalen Opfernarrativen und der "Europäisierung der Erinnerung"

Zusammenfassung

Anhand mit dem Zweiten Weltkrieg befasster postsozialistischer Gedenkmuseen wird untersucht, wie "doppelte" Okkupation und der Holocaust, Opfernarrative und Kollaboration in den jeweiligen Ländern verhandelt werden und welche Auswirkungen deren Bemühungen, der Europäischen Union (EU) beizutreten, darauf hatten. Wie rekurrieren diese Museen auf "europäische Standards" und von Holocaust-Museen ausgehende Trends? Auf Gedächtnis- und Museumstheorie aufbauend, werden die Ausstellungen und Museumskataloge großer staatlicher Museen miteinander verglichen. Eine Gruppe von Museen versucht für das eigene, anti-kommunistische Opfernarrativ bedrohlich erscheinende Aspekte des Nationalsozialismus einzudämmen, während in anderen Museen die "Anrufung" Europas und die "Europäisierung des Holocaust" vorherrscht.

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Abstract

On the basis of post-socialist memorial museums dealing with World War II the paper analyses how "double" occupation and the Holocaust, victims' narratives and collaboration are represented in the respective countries and how this was influenced by the European Union (EU) accession process. How do the museums reflect "European standards" and trends set by Holocaust museums? Based on memory and museum studies the exhibitions und catalogs of state-funded museum are compared. While one group of museums tries to contain "threatening" aspects of the memory of Nazism so that it cannot compete with stories of Soviet crimes, in other museums the "invocation" of Europe and the "Europeanization of the Holocaust" predominate.


Seite 107–120

Bettina Greiner

Ohne "Schmerzensspur"

Stalinistische Verfolgung und Haft in Deutschland

Zusammenfassung

Stalinistische Verfolgung und Haft: 25 Jahre nach dem Mauerfall zählt die massive Gewalt, auf der die DDR gegründet wurde, noch immer zu den randständigen Erinnerungstopoi des wiedervereinigten Landes. Das gilt insbesondere für die Speziallager, die der sowjetische Geheimdienst mit Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone errichtete. Aber welchen Ort kann diese Teilgeschichte innerhalb der deutschen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts für sich reklamieren? Wie ist der Verschränkung von Täter- und Opfergeschichte gerecht zu werden? Der Artikel wirft einen Blick zurück auf drei Diskussionen aus den vergangenen 25 Jahren, in denen erbittert um diese Fragen gestritten wurde – ohne dass es zu einer Annäherung gekommen wäre.

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Abstract

Stalinist repression and imprisonment: The massive violence on which the GDR was founded is as of today still a marginal topos in the cultural memory of the reunified country. This is especially true for the special camps installed by the Soviet secret police in the occupation zone at the end of the Second World War. Which place might this chapter of violent history claim within the German history of violence in the 20th century? How is justice to be done to the entanglement of German perpetrators and German victims? The article highlights three discussions from the last 25 years in which these questions were bitterly debated – without finding common ground.


Atelier & Galerie


Seite 123–142

Erika Doss

Transnational 9/11 Memorials

American Exceptionalism and Global Memories of Terrorism

Abstract

Since the terrorist attacks on America on September 11, 2001, hundreds of 9/11 memorials have been built in the United States and around the world. The global circulation of 9/11 is unusual, as permanent commemorations of the tragedies and disasters of particular nations are typically confined to those nations. Examining the aesthetic forms, subjects, and locations of transnational 9/11 memorials, this article considers how and why 9/11 memories circulate globally on visual and material terms. Why, for example, do other nations commemorate terrorist attacks against the United States? What are the cultural and political determinants motivating such memorials? What are their intended effects? Such questions are at the core of a growing transnational studies movement that is especially attentive to the people, places, and products of an increasingly interconnected world.

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Zusammenfassung

Seit den Terrorangriffen auf die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 wurden hunderte von Mahnmalen zur Erinnerung an 9/11 in den USA und in vielen anderen Ländern rund um den Globus errichtet. Diese globale Verbreitung ist ungewöhnlich, da auf Dauer gestellte Erinnerungen an Tragödien und Katastrophen die Grenzen der davon betroffenen Nationalstaaten in der Regel nicht überschreiten. Mahnmale zum Gedenken an 9/11 stellen hier eine Ausnahme dar. Der Beitrag fragt nach den Gründen der globalen Ausbreitung dieser spezifischen Erinnerung und analysiert die Formen, Inhalte und Standorte dieser transnationalen Mahnmale. Im Zentrum stehen dabei Fragen, die auf ähnliche Weise im Kontext anderer, transnational perspektivierter Ansätze gestellt werden: Aus welchen Gründen erinnern andere Nationen an die gegen die USA gerichteten Terrorangriffe vom 11. September 2011? Welche kulturellen und politischen Faktoren motivieren die Errichtung solcher Mahnmale außerhalb der USA? Und welche Interessen und Absichten sind damit verbunden?


Seite 143–172

Bianca Roitsch / Anette Blaschke

Ein fotografischer Blick auf die innerdeutsche Grenze

Der "Augensinn" westdeutscher Zollbeamter zwischen den 1950er und 1980er-Jahren

Zusammenfassung

Während des "Kalten Krieges" agierten die Beamten des bundesdeutschen Zolls an der innerdeutschen Grenze auch als Fotografen, deren Bilder einen Einblick in das "Sichtfeld" des Dienstalltages an einem politischen Brennpunkt erlauben. Im Mittelpunkt des Beitrages steht eine Auswahl von Fotografien, deren Analyse erstens die Selbstwahrnehmung der Beamten, zweitens die Darstellung der Grenze als Bauwerk und drittens die Beobachtung des Fremden in Gestalt der ostdeutschen Grenzbewacher umschließt. Mittels bild- und Geschichtswissenschaftlicher Methoden wird deutlich, dass die Zollbeamten einen spezifischen "Augensinn" (Alf Lüdtke) ausprägten, der das Ergebnis sowohl einer von außen gesteuerten Perzeption als auch individueller Sehweisen war. Daher können die Bilder heute ihrem Gebrauch nach nicht nur als individuelle "Erinnerungsstützen" dienen, sondern auch als Medien zur Reflexion historischer "Meistererzählungen".

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Abstract

During the "Cold War" the customs office of the Federal Republic of Germany took photos along the inner German border and thereby gave us a glimpse of the daily routine next to that political hotspot. The selection of photos firstly reflects the selfperception of the officials, secondly provides images of the border as a complex system of fortifications and thirdly reveals the changing view of the "foreigners" on the other side of the border. It is apparent that the officials developed a particular perspective as a result of daily routine and the official reading of events. That is why the historical photos can nowadays be seen not just as individual memorabilia, but also as instruments for reconsidering historical master narratives.


Seite 173–187

Manuel Becker

"Geschichte als Argument"

Ein Stiefkind der neueren geschichtspolitischen Forschung

Zusammenfassung

Der Aufsatz vermittelt einen Überblick über den Forschungsstand zum Ansatz der "Geschichte als Argument". Verschiedene in der Forschung dazu existierende Konzeptualisierungen werden präsentiert und synthetisiert. Darüber hinaus wird ein eigener Vorschlag für eine politikwissenschaftliche Operationalisierung zur Analyse von historischen Argumenten im politischen Diskurs entwickelt. Im Zentrum steht dabei einerseits die Frage, ob unterschiedliche historische Argumente auf hinter diesen stehende, sich wiederholende Muster zurückgeführt werden können, und andererseits, welche Maßstäbe an eine kritischen Überprüfung der Angemessenheit historischer Argumente angelegt werden dürfen.

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Abstract

This contribution provides an overview of the current state of research regarding the approach "history as argument". In doing so, several conceptualizations drawing upon this approach in academic research shall be presented and synthesized. Taking this as a starting point, I am going to devise a new suggestion for a fruitful operationalization of historical argument within political discourse and the field of political sciences. For this purpose, two questions will be central: Can or should different lines of historical argument be tied to underlying recurring patterns? And which standards seem suitable for a critical examination of the adequacy of historical argument?


Aktuelles Forum: Zukunft der Erinnerung


Seite 191–203

Peter Steinbach

Kein Abgesang!

Historische Grundlagen der Politik. Abschiedsvorlesung, gehalten an der Universität Mannheim am 18. September 2013


Seite 205–214

Uwe Bader

Die Rheinwiesenlager

Eine Herausforderung für die historisch-politische Bildungsarbeit in Rheinland-Pfalz


Fundstück


Seite 217–221

Harald Schmid

Einführung


Seite 223–243

Joe Perry

The Madonna of Stalingrad

Mastering the (Christmas) Past and West German National Identity after World War II.


Forschungsbericht


Seite 247–265

Volker Depkat

Autobiografie und Biografie im Zeichen des Cultural Turn